Am Ende der Welt

Erzählung
Von: Berg, Joachim
Grundblick, 2007, 152 S., kartoniert

ISBN: 978-3-9802133-4-9

15,90 €

Eine Frau löst sich aus der namenlosen Menge Vorübergehender und stürzt sich in den Kanal am Hafen. Als sie wieder auftaucht und ins Leben zurückkehrt ist ihre Welt neu geordnet. Mann und Kind existieren nicht mehr für sie. So beginnt die Erzählung von Joachim Berg. Am Ende der Welt ist eine neue Welt und am Ende ist diese wieder zu Ende und neu. Dazwischen wird von Menschen erzählt, die sich begegnen weil sie sich öffnen. Gemeinsam gehen sie dann ein Stück durch diese neue Welt und betrachten sie. Ein “Roadmovie” im Spazieren gehen entwickelt sich und steuert schließlich einem dramatischen Finale zu, aus dem dann wieder neues entstehen kann..

Textauszüge:

Die Frau steht auf der Mauer. Auf der anderen Seite der Leiter, da wo es schier endlos tief hinabgeht, wie in einen Brunnen. Es ist sehr schwer, die Tiefe zu schätzen. Auf der obersten Sprosse, zwischen dem Geländer, zieht sich quer eine Spinnwebe. Sie muß schon lange Zeit nicht mehr benutzt worden sein. Die Frau nimmt ihre Sonnenbrille ab und wirft sie in den Kanal. Jetzt ist ein Blitzen in den Augen zu sehen. Als träfe das Licht der Sonne einen Spiegel. Und ließe Glut entstehen. Die Frau zieht ihre Jacke aus. Jacke aus feinem, dunkelbraunen Stoff mit pelzbesetztem Kragen. Sie lässt die Jacke in den Kanal hinuntersegeln und lächelt. Ihre ärmellose Bluse ist weiß und kurz. Hautstrich um den Bauchnabel bleibt frei, lässt einen dicken Leberfleck sichtbar werden, unter dem straffen, weißen Stoff zeichnen sich Brustwarzen ab.Als sie das Geländer loslässt und frei auf der Sprosse steht, gleicht sie einer flammenden Schönheit, vollendet und unerreichbar, Abgrund und Gipfel menschlicher Seele verzaubernd. Jetzt hält der lässige Mann den kleinen Jungen an den Händen fest. Kurze Hosen trägt der Junge und blaues kurzärmeliges Hemd, sein Blick ist erschrocken. Die Frau lässt sich fallen. Der Rock bläht auf im Flug, sie streckt Beine und Arme, sie reckt sie scheinbar, wie nach langem, tiefem Schlaf beim Aufwachen die Glieder gestreckt werden, um sie zu lockern, sie pulsieren zu lassen. Dann gibt es einen lauten Schlag. Wasser spritzt. Ein Schuh hüpft in die Höhe. Aus brauner Welle des in Bewegung gesetzten trägen Wassers taucht der Kopf der Frau auf, Arme rudern ohne Panik.

(...)

Der Mann heißt Steinbeck und ist Rentner. Der Mann hat einen maroden Rücken, weil er hat jahrzehntelang im Hafen gearbeitet. Der Mann hat einen Hund, der heißt Strolch, mit dem ist er zu wenig streng. Der Mann hat keine Frau mehr, weil die starb an Krebs. Der Mann hat Kinder, die sind weit weg. Der Mann streunt täglich mit seinem Hund, dem Strolch, durch die Stadt, gleich welches Wetter ist. Der Mann sucht einmal täglich jene Stelle am Hafenbecken auf, wo er heute Hannes und Rita trifft. Weil hier war er glücklich mit seiner Frau. Weil hier hat er seiner Frau Gedichte vorgelesen. Von Georg Trakl hauptsächlich, weil die so schön melancholisch sind. Obwohl der Mann, er heißt Steinbeck, Werftarbeiter war, und obwohl Steinbeck die BILD-Zeitung gelesen hat und noch immer liest, hat er auch Gedichte gelesen und liest sie noch immer, obwohl ja allgemein angenommen wird, dass das nicht zusammenpasst.



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